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Jugendmedienschutzes: 53 Fernsehwerbespots für Handyklingeltöne analysiert, 53 Verstöße festgestellt!

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Dossier "Crazy Frog" im Zwielicht

von Birgit Dengel, Hamburg

Das Fazit der Prüfgruppe ist vorläufig, aber vernichtend: 53 Fernsehwerbespots für Handyklingeltöne hat sie im Auftrag der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM°) analysiert – und 53 Verstöße festgestellt.

"Keiner der Spots entsprach den Regeln des Jugendmedienschutzes", sagt Verena Weigand, Leiterin der KJM-Stabsstelle. Die Prüfgruppe der KJM hatte sich für ihre Stichprobe einen beliebigen Tag im März ausgesucht und sich Spots bei Sendern angeschaut, die Werbung für Klingeltöne ausstrahlen. Zwar ist das Prüfverfahren erst offiziell beendet, wenn die TV-Sender zu dem Ergebnis Stellung genommen haben. Doch eines steht fest: Das in der vergangenen Woche ergangene Urteil der KJM trägt zum zwielichtigen Ruf des Klingeltongeschäfts bei.

Die Branche leidet seit Jahren unter Vorwürfen von Verbraucherschützern, verprellten Kunden und Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen. Für Musikfirmen hingegen sind die Klingeltöne eine wichtige Einnahmequelle, mit der sie die sinkenden CD-Verkäufe zum Teil auffangen können. "Das Geschäft entwickelt sich erfreulich, leidet aber unter seinem schlechten Image", sagt etwa Stefan Weikert, der die Digitalsparte bei Edel Music leitet.



Unzulässige Kaufappelle an Minderjährige

Nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sind Werbespots unzulässig, die "direkte Kaufappelle an Kinder oder Jugendliche enthalten, die deren Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit ausnutzen". Ein Werbeslogan wie "Hol dir ‚La Tortura’", mit dem der neueste Hit der Sängerin Shakira als Klingelton angepriesen werde, sei aber ein Kaufappell, sagt Weigand. "Es handelt sich bei den Spots gar nicht um klassische Werbung, sondern um Teleshopping." Beim Teleshopping können direkt Kauf- oder Mietverträge abgeschlossen werden, hier fallen die Regeln des Jugendschutzes deshalb noch strenger aus.

Die Klingeltonspots im Fernsehen werben zudem nur für Abonnements, die die Kunden per SMS bestellen. Wer nur einen einzelnen Ton haben möchte, muss etwa beim Anbieter Jamba den mühsameren Weg über das Internet gehen. "Wir bieten im Fernsehen das Produkt an, das unsere Zielgruppe am meisten anspricht", rechtfertigt ein Jamba-Sprecher die Vorgehensweise. Verbraucherschützer allerdings prangern das Abo-Modell an. "Die TV-Spots sind viel zu kurz, um alle Vertragsbedingungen zu erfassen", sagt Anke Kirchner, Juristin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Jugendlichen werde oft nicht klar, worauf sie sich einlassen. Manche schließen mehrere Abos ab, die parallel laufen. "Bei drei Abos können 25 Euro Taschengeld im Monat fast schon weg sein", kritisiert Kirchner.

Durch die fragwürdigen Verkaufsmethoden könnte ein Geschäft ins Stocken geraten, das für die Musikbranche ein sicherer Umsatzbringer werden soll. Der viertgrößte Musikkonzern Warner Music etwa meldete in der vergangenen Woche, dass er die sinkenden CD-Verkäufe erstmals durch das Geschäft mit Onlinemusik und Klingeltönen ausgeglichen habe. Der Konzern erwirtschaftete von Januar bis März mit digitaler Musik Erlöse in Höhe von 35 Mio. $, während der Umsatz mit Musik-CDs um 30 Mio. $ fiel. Konkurrent EMI erzielte im vorigen Geschäftsjahr rund 50 Mio. £ (75 Mio. Euro°) mit Klingeltönen und anderen digitalen Verkäufen – mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Das weltweite Volumen des Klingeltonmarkts schätzen die Berater von Deloitte auf 2 Mrd. $.

Auch Netzbetreiber wie Vodafone verdienen mit. Der Konzern bietet Klingeltöne auf dem mobilen Internetportal "Vodafone live" an. "Dort machen Klingeltöne derzeit einen der größten Umsatzbereiche aus", sagt Tina Rodriguez, bei Vodafone zuständig für das Musikgeschäft.

Erst bei den Realtones verdienen Musikkonzerne mit

Neue Mobilfunkgeräte sollen dem Geschäft weiteren Antrieb verleihen. Bislang können viele Handys nur einstimmige oder mehrstimmige Klingeltöne erzeugen. So genannte Realtones machen nur ein Drittel der Verkäufe aus, schätzt Q-Pass, ein Anbieter von Handysoftware. Bei ein- und mehrstimmigen Tönen sind jedoch nur die Verlagsarme der Musikfirmen an den Einnahmen beteiligt, weil es sich um einfache Versionen der Originalmelodien handelt. Erst bei den Realtones verdienen die Tonträgerhersteller mit. Bei dem Musikkonzern Sony BMG etwa liegt der Umsatzanteil aus dem Verkauf von Klingeltönen in Deutschland erst im einstelligen Prozentbereich. "Doch die Töne werden für die Musikunternehmen zukünftig zu einer immer wichtigeren Einkommensquelle", sagt Thorsten Rothmann, Direktor für neue Technologien bei Sony BMG.

Wie sehr der Markt boomt, zeigt der Erfolg des "Crazy Frog". Der verrückte Frosch eroberte im Mai als erster Klingelton die Spitze der britischen Singlecharts. In einer Woche verkaufte sich das Geträller 150.000-mal – mehr als die neue Single der Band Coldplay. Die Branche ist trotz des Erfolgs gewarnt: "Wir müssen aufpassen", sagt Weikert, "wenn sich das Image nicht wandelt, macht man den Markt kaputt."

Aus der FTD vom 20.06.2005

© 2005 Financial Times Deutschland,

 

http://www.ftd.de/tm/tk/11106.html

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